Das Fitnessstudio für’s Gehirn: Hörtraining – für Hörgeräte-Träger

Da hat man sich endlich überwunden Hörgeräte zu tragen und vielleicht auch noch viel Geld dafür ausgegeben, und jetzt versteht man trotzdem nichts? Oder die Hörleistung ist einfach nicht so wie erhofft?

Wer kennt das nicht?: Man trifft sich mit Freunden, alle reden durcheinander, es wird viel gelacht. Situationen wie diese sind für schwerhörige Menschen schlimm – weil sie schlecht verstehen und sich deshalb nicht an Small Talks beteiligen können. Gesprächsrunden aller Art sind für schwerhörige Menschen oft ein Spießrutenlauf. Sie haben Angst angesprochen zu werden und sie lachen nicht selten an den falschen Stellen. Sie fühlen sich häufig ausgegrenzt und verunsichert. So kann es zu sozialem Rückzug und Isolation bis hin zur Depression kommen.

Für den Hörgeräteträger, der sein Sprachverstehen verbessern möchte bringt ein Hörtraining viele Vorteile:

  • entspanntere Gespräche in Gruppen und in geräuschvoller Umgebung führen
  • besseres Richtungshören entwickeln, besser orten können
  • bessere Geräusch- und Spracherkennung
  • höhere Konzentrationsfähigkeit, höhere Aufmerksamkeitsspanne
  • geringere Gefahr an Demenz zu erkranken
  • kennenlernen der technischen Möglichkeiten und Grenzen seiner Hörgeräte
  • lernen von hörtaktischen Verhaltensregeln
  • größeres Selbstbewusstsein im Umgang mit den Hörgeräten und der Schwerhörigkeit
  • größeres Bewusstsein für den eigenen Hörverlust
  • höhere Eigenmotivation
  • größere Lautstärketoleranz

Ein Hörtraining hilft diesen Menschen dabei, ihre Hörleistung nachhaltig zu verbessern und wieder herzhaft lachen zu können. Und zwar im passenden Augenblick.

Die moderne Hörgerätetechnik kann heute mehr leisten, als der Hörgeräteträger an Korrektur nach seiner jahrelangen Entwöhnung von Beginn an zulässt und zu verarbeiten in der Lage ist.

Hörtraining eignet sich ganz wunderbar dazu, den Nutzen und die Akzeptanz der Hörgeräte durch ergänzende Hörtrainingsmethoden zu optimieren. In der Form der Hörgeräteanpassung, wie ich sie seit Jahrzehnten kenne, fokussiert auf die moderne Hörsystemtechnik, wurde kaum die entscheidende Rolle des Gehirns und der Hörentwöhnung für das Verstehen von Sprache und das Unterscheiden von Geräuschen berücksichtigt. Es wird zwar versucht mit Richtmikrofonen und Situationsautomatiken etc. das Verhältnis Stör/Nutzschall zu verbessern, aber keine Technik kann das menschliche Gehirn ersetzen und man kauft mit den Hörgeräten keine neuen Ohren, sondern tatsächlich nur Hilfsmittel.

Wenn das Gehör nachlässt, ist das meist ein schleichender Prozess, den der Betroffene selbst oft erst bemerkt, wenn er von seinen Mitmenschen darauf aufmerksam gemacht wird. Dann ist bereits eine Hörentwöhnung eingetreten, das heißt, das Gehirn kann das Gehörte nicht mehr richtig verarbeiten. Hörforscher gehen davon aus, dass diese Form der Hörentwöhnung weit verbreitet ist. Denn bei Millionen Menschen hat sich bereits ein schleichender Hörverlust eingestellt. Die Hörwahrnehmung der Betroffenen ist eingeschränkt, ohne dass sie sich darüber im Klaren sind. Unmerklich haben sie ihre Alltagsmuster an das Hördefizit angepasst, so dass Menge und Vielfalt der akustischen Signale, die das Hörzentrum noch erreichen, immer weiter abnehmen. Die Folge: Die Verarbeitungsstrukturen im Gehirn liegen mehr und mehr brach. Je länger diese Entwöhnung andauert, desto schwieriger wird es, den Prozess wieder umzukehren

Jeder Hörverlust bewirkt eine Hörentwöhnung, da in der Regel eine Schwerhörigkeit bereits länger vorliegt. Die Hörentwöhnung ist das traurige Ergebnis, wenn für das Hören wichtige Teile des Gehirns nur selten oder sehr eintönig gefordert werden. Bei einer normal hörenden Person wird das Hörzentrum immer wieder trainiert und es werden neue Vernetzungen geschaffen, wenn ein Tonsignal das Gehirn erreicht.

Ein Hörverlust wirkt sich in der Regel nicht auf alle Frequenzen gleich stark aus. Meist ist der Hörverlust in den hohen Frequenzen stärker ausgeprägt, als in den tiefen Frequenzen. Dies hat zur Folge, dass Sprache an Deutlichkeit verliert und besonders in Situationen mit Hintergrundlärm schlechter verstanden werden kann.

Angenommen, das Hörvermögen einer Person lässt mit den Jahren nach und die hohen Töne gehen nach und nach verloren. Dann wird auch das Gehirn nicht mehr trainiert und es verlernt, hohe Töne zu verarbeiten. Wenn dieser Person nach einer langen Zeit nun mithilfe eines Hörgerätes geholfen wird, die hohen Töne wieder zu „hören“, kann das Gehirn trotzdem nicht verstehen. Je länger die Hörentwöhnung gedauert hat, desto schwieriger wird es. Hörgeräte-Träger, die schon eine lange Hörentwöhnung vorweisen, klagen dann oft darüber, dass sie Geräusche als Lärm empfinden, dass alles zu schrill ist und das Verstehen in geräuschvoller Umgebung sehr zu wünschen übriglässt. Als Folge lehnen sie Hörgeräte ab.

Hören beginnt mit den Ohren, verstehen findet dazwischen, im Gehirn, statt.

Der Hörprozess besteht vereinfacht aus den folgenden zwei Teilen:

  1. Peripheres Hören: Die Schallsignale werden über das Außen- und Mittelohr aufgenommen und an das Innenohr weitergeleitet. Hier findet die Schallumwandlung statt.
  2. Zentrales Hören: Über die Hörbahn wird der Schall weiterverarbeitet und zur Wahrnehmung an das zentrale Nervensystem weitergeleitet. Es besteht aus vier Bereichen. Dem Hörgedächtnis, hier sind alle Töne, Geräusche und Sprachen abgespeichert, die wir im Laufe unseres Lebens lernen. Dazu kommen das räumliche Hören, die Lautstärkewahrnehmung und die Sprachdifferenzierung.

Dass letztere nicht mehr richtig funktioniert merkt man daran, dass man in geräuschvoller Umgebung (auch mit den besten Hörgeräten) nicht richtig verstehen kann. Dies geschieht, wenn unsere körpereigenen Sprachfilter einfach träge sind. Aber auch alle anderen Bereiche unseres zentralen Hörens verlieren mit der Zeit an Leistung. Das Gehirn kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem, was wir hören wollen und dem, was wir nicht hören wollen. Und so kommt es zu einem kunterbunten Durcheinander.

Konventionelle Hörgeräte setzen beim peripheren Hören an. Der Schall wird, vereinfacht gesagt, durch das Hörgerät verstärkt und die Signale kommen lauter an. Wenn ein Mensch jedoch seit Jahren schwer hört, dann ist die Kommunikation zwischen peripherem und zentralem Hören gestört. Denn das Gehirn hat es schlichtweg verlernt, die Sprache – unabhängig davon, wie sie transportiert wird – wahrzunehmen und zu verarbeiten. Das erklärt auch, warum viele Menschen trotz eines technisch hochwertigen Hörgeräts nicht gut verstehen. Es werden zwar die fehlenden Töne und Buchstaben in Unterhaltungen ergänzt, aber das Gehirn hat die früher übliche und jetzt wieder hinzugefügte Lautstärke vergessen. Und die ist gerade zu Anfang oft nur schwer zu ertragen! Weil das Gehirn denkt, die plötzliche Lautstärke kündigt Gefahr an (schließlich ist das Ohr unser Organ zur Früherkennung von Gefahren), fühlt sie sich körperlich wie eine ernsthafte Bedrohung an. Hier muss das Gehirn einerseits lernen, sich trotz ungewohnter Lautstärke zu entspannen, damit es den früher normalen Geräuschpegel erneut als normal akzeptiert. Und gleichzeitig muss es diese neuen Töne in das gewohnte Klangbild integrieren. Das ist viel verlangt und dauert seine Zeit.

Das Gute ist aber, dass das Gehirn wie ein Muskel ist, den man wieder neu trainieren kann. Manchmal braucht es nur ein bisschen Zeit und Geduld, um den Effekt der Hörentwöhnung wieder umzukehren. Durch Üben und innere Entspannung. Je mehr Möglichkeiten das Gehirn bekommt, sich an die neuen Klänge und Lautstärken zu gewöhnen, desto schneller werden Erfolge erzielt. Früher oder später hört sich die Verstärkung des Hörgerätes dann so normal an, als sei sie nie zu laut gewesen.

Hörtraining kann eine Brücke sein, den gewohnten – schlechteren – Höreindruck durch einen neuen, ungewohnten – aber qualitativ besseren – Höreindruck mit Hörgeräten zu akzeptieren.

Es gibt viele Möglichkeiten des Hörtrainings, so dass, ganz nach Art der Schwierigkeiten, verschiedene Trainingsmethoden gewählt werden können. Ich empfehle eine Trainingsdauer von 4-6 Wochen. Das Training findet teilweise zuhause und teilweise im Coaching statt. Durch den sukzessiven Wiederaufbau der Verknüpfung zwischen dem peripherem und dem zentralen Hören, lässt die Hörentwöhnung langsam nach und die Hörleistung wird schon in wenigen Wochen verbessert.

Durch Hörtraining lernt das Gehirn, wieder räumlich zu differenzieren, Lautstärken richtig einzuschätzen und diese wieder als normal zu empfinden. Außerdem werden Geräusche schneller erfasst. Es fällt leichter Sprache aus Lärm herauszufiltern und sie besser zu verstehen.

Hörtraining erhält und fördert also das Hörvermögen und es minimiert erwiesenermaßen Konzentrations- und Schlafstörungen.  Durch diesen neuen Ansatzpunkt wird die Lebensqualität mit einer Hörminderung maßgeblich verbessert und Erinnerungen an frühere Klänge werden wieder geweckt. Denn gerade der Klang einer Stimme oder die Klänge eines Ihrer beliebten Musikstücke wecken frühere Emotionen und Gedanken und stärken die „Verstehleistung“ des Gehirns. Das betrifft sowohl Hörgeräte-Träger, die zum ersten Mal mit Hörgeräten versorgt werden, wie auch die langjährig versorgten, die trotz ihrer Hörgeräte im Alltag Schwierigkeiten in der Differenzierung der Sprache haben.

Daher ist es wirklich wichtig, dass Sie Ihre Hörgeräte täglich und auch ganztägig tragen und an einem Hörtraining teilnehmen, denn Hörtraining ist das Fitnessstudio für’s Gehirn!