Bei mir piept’s wohl: Ich höre was, was du nicht hörst!

Fast jeder hat es schon kennengelernt: das Klingeln im Ohr nach einem Disco- oder Konzertbesuch. Meist ist es beim Aufstehen wieder verschwunden – manchmal bleibt es ein Leben lang. Permanente Ohrgeräusche (Tinnitus) treffen immer öfter auch junge Leute.

In den 80er Jahren, als ich meine Ausbildung zur Hörakustikerin begann, erlebte das Thema „Tinnitus“ eine riesige Aufmerksamkeit ─ nicht nur in der Forschung, sondern auch in den Medien. Groß war die Hoffnung, dass man diesem Leiden durch medikamentöse, operative oder apparative Therapien sehr bald beikommen und den Tinnitus ganz besiegen würde. Ungezählte Theorien über die Entstehung des Tinnitus wurden aufgestellt und darauf basierende Therapien entwickelt.

Rund 340.000 Menschen erkranken laut der Deutschen Tinnitus Liga e.V. pro Jahr in Deutschland neu an Tinnitus.

Die hohen Erwartungen auf eine medikamentöse oder apparative Therapie haben sich aber bis heute leider nicht erfüllt.

In meinem Alltag als Hörakustikmeisterin war mir aufgefallen, dass der Großteil der Tinnitus Betroffenen sehr wenig, bis gar nichts über den Tinnitus weiß. Die einen haben sich ganz gut mit ihren Ohrgeräuschen arrangiert und sind in ihrer Lebensqualität nicht beeinträchtigt, eine Gruppe fühlt sich belästigt, vor allem in ruhiger Umgebung, kommt aber die meiste Zeit einigermaßen gut zurecht und da ist dann noch die Gruppe, die von einer Therapie zur nächsten läuft und immer verzweifelter wird, da nichts anzuschlagen scheint.

Aus diesem Grund hier ein paar grundlegende Punkte, frag mich gerne, wenn du ausführlichere Erklärungen haben möchtest, oder Fragen speziell zu deinen Ohrgeräuschen hast:

Kurzfristig auftretende Ohrgeräusche nach einem lauten Konzert, oder bei viel Stress kennt fast jeder. Diese Schallwahrnehmungen verschwinden in der Regel nach kurzer Zeit wieder und wir nehmen sie nicht weiter ernst. Tinnitus ist der medizinische Fachbegriff für Ohrgeräusche. Diese können sich z.B. als Rauschen, Pfeifen, Brummen oder Klingeln äußern. Sie können immer da sein, oder auch zwischendrin verschwinden. Tinnitus kann einseitig, beidseitig oder auch mittig im Kopf wahrgenommen werden. Dabei hat die Lokalisation nichts mit dem Ursprung des Geräuschs zu tun: Tinnitus im rechten Ohr bedeutet eben nicht, dass der Tinnitus im rechten Ohr entsteht, sondern nur, dass wir ihn dort wahrnehmen.

Was sind denn die Auslöser?

Die Auslöser für Tinnitus und Ohrgeräusche können sehr vielfältig sein: Neben Stress, erhöhtem Blutdruck, Kreislaufproblemen, Herzrhythmusstörungen und Allergien, auch Narkosen, Stoffwechselerkrankungen und sogar Kiefergelenkschmerzen, um nur einige zu nennen.

Habe ich Tinnitus?

Wenn du eine, oder mehrere der folgenden Fragen mit Ja beantwortest, könntest du von Tinnitus betroffen sein:

  • Sind deine Ohrgeräusche plötzlich aufgetreten?
  • Halten die Ohrgeräusche über 24 Stunden an?
  • Sind die Ohrgeräusche in den letzten 3-6 Monaten immer wieder aufgetreten?
  • Leidest du durch die Ohrgeräusche an Konzentrations- und Schlafstörungen?
  • Beeinträchtigen die Ohrgeräusche dein Leben negativ?

Wichtiger Hinweis: Dieser Selbsttest ersetzt keinen Arztbesuch. Suche im Zweifelsfall einen HNO-Arzt auf!

Warum leide ich mehr als andere?

Wie stark uns die Ohrgeräusche in unserem Alltag belasten, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Ausschlaggebend ist hier vor allem wie oft und wie lange die Beschwerden auftreten, aber auch wie wir damit umgehen können. Die meisten Menschen, die unter einem Tinnitus leiden, empfinden die Ohrgeräusche nur als wenig oder gar nicht störend. Bei 20 Prozent der Betroffenen sind die Symptome allerdings so stark, dass ein normales Leben fast unmöglich ist. Hinzu können noch folgende Belastungen kommen:

  • Überempfindlichkeit für laute Geräusche
  • Nervosität, Reizbarkeit, Depressionen
  • Probleme in Partnerschaft, Familie und sozialen Beziehungen
  • Konzentrations- und Schlafstörungen
  • Erschöpfungszustände, Burnout
  • Beeinträchtigte Arbeitsleistung
  • Angststörungen, Phobien

Ist Tinnitus gefährlich?

Trotz der Anstrengungen der medizinischen Forschung ist die organische Ursache dieser sub-jektiven Tonempfindungen weiterhin unklar. Das macht die Situation für die Betroffenen oft bedrohlich. Was ist da los in meinem Kopf? Dabei lässt sich mit Sicherheit sagen: Tinnitus ist in keinem Fall lebensbedrohlich! Auch wenn ein chronischer Tinnitus sehr hartnäckig sein kann, können die Betroffenen mit einer ausführlichen Aufklärung und Begleitung lernen, selbst mit einem starken Tinnitus umzugehen, ihn zurückzudrängen und souverän mit ihm zu leben.

Was tue ich, wenn ich Ohrgeräusche habe? Erstmal: Cool bleiben!

Bei Ohrgeräuschen ist grundsätzlich der HNO-Arzt der erste Ansprechpartner. Das gilt insbesondere dann, wenn die Ohrgeräusche erstmals auftreten und/ oder länger als 24 Stunden anhalten. Wenn die Ohrgeräusche mit Schwindel oder einer Hörminderung einhergehen, ist ein schneller Arztbesuch umso wichtiger. Während bei einem akuten Tinnitus (<3 Monate) eine schnelle medikamentöse Therapie oberste Priorität hat, geht es bei chronischem Tinnitus (besteht bereits länger als 3 Monate) vornehmlich um den richtigen Umgang mit den Ohrgeräuschen und den Aspekt „Das Leben genießen, trotz Tinnitus“. Oft wird geraten, sich an den Tinnitus zu gewöhnen, aber wie??? Nach meiner Erfahrung reagiert jeder Tinnitusbetroffene unterschiedlich auf die unterstützenden Maßnahmen. Was dem einen große Linderung verschafft, hilft dem anderen so gar nicht. Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht mit individuell zugeschnittenen Coachings, bestehend aus ausführlicher Anamnese, Feststellen der Stressfaktoren und auslösenden Situationen, verschiedenen Tests um den Tinnitus zu messen, Aufzeigen der Möglichkeiten etc., und dann nach Vorliebe verschiedene begleitende Verfahren.

Lass dich nicht von deinem Tinnitus beherrschen – entscheide selber was du hören willst und was nicht! Überdenke die Stressfaktoren in deinem Alltag und denk dran: Du musst gar nichts!